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Balkan-Blues: Wo schlägt das Herz der Schweizer Nati?

Es brennt in der Nati. Und das kurz vor der EM in Frankreich. Kosovo ist neu offizielles Mitglied der UEFA und FIFA. Die Kosovaren sind zwar die grösste, aber nur eine der Secondo-Fraktionen.

Es brennt in der Nati. Und das kurz vor der EM in Frankreich. Kosovo ist neu offizielles Mitglied der UEFA und FIFA. Die Kosovaren sind zwar die grösste, aber nur eine der Secondo-Fraktionen.

Es gibt nicht nur den Kosovo: Von Bosniern und Bosniaken

Während die ganze Schweiz darüber diskutiert, ob Shaqiri und die Kosovo-Fraktion der Schweizer Nati zum neuen UEFA- und FIFA-Mitglied Kosovo wechselt, kann es aufschlussreich sein, das Augenmerk auf einen ähnlich gelagerten Fall zu richten: Bosnien-Herzegowina. 

Geschätzte vierfünftel der Zuschauer beim Freundschaftsspiel der Schweiz gegen Bosnien-Herzegowina sind anhand ihrer blau-gelben T-Shirts und Fahnen als Fans der bosnischen Mannschaft zu identifizieren.  17 000 Zuschauer bilden im Letzigrund-Stadion in Zürich eine ordentliche Kulisse. Es gab schon Derbys der beiden Zürcher Vereine gegeneinander, die vor weniger Publikum ausgetragen wurden.

Dazu ein kurzer historischer Auszug:

Bosnien-Herzegowina – das ist eine Art «failed state» mitten in Europa. Das nach dem Jugoslawienkrieg künstlich geschaffene Land besteht heute aus zwei etwa gleich grossen Teilen: Dem multiethnischen Bosnien und Herzegowina und der hauptsächlich von Serben bewohnten Republik Srpska. Hinzu kommt das Sonderverwaltungsgebiet Brčko – der Verbindungskorridor zwischen den beiden Teilen der Republik Srpska über dessen Zugehörigkeit man sich nach dem Krieg nicht einigen konnte.

Benannt ist der Staat nach dem Fluss «Bosna», der in der Hauptstadt Sarajevo entspringt. Eben dieses Sarajevo, einst als New York oder Jerusalem des Balkans gepriesener Ort, an dem Menschen und Religionen während vieler Jahre friedlich neben- und miteinander lebten. Ältere Semester erinnern sich an die Stadt als Austragungsort der olympischen Winterspiele 1984 als Michaela Figini und Max Julen in schwarz-pink gestreiften Rennanzügen für die Schweizer Skination zwei Goldmedaillen gewannen.

Verworrene Landesstruktur

«Bosnier» werden alle Einwohner des Vielvölkerstaates genannt, wogegen die Bezeichnung «Bosniaken» nur die muslimische Mehrheit (50%) einschliesst. Die Serben stellen rund 30, die Kroaten die restlichen 20 Prozent der Bewohner. Um allen Ethnien gerecht zu werden, wechselt das Amt des Ministerpräsidenten alle acht Monate zwischen einem serbischen, einem kroatischen und einem bosniakischen Repräsentanten.

Tönt verwirrend? Ist es auch. Für eine gewisse Hoffnungslosigkeit sorgt zudem eine grassierende Arbeitslosigkeit, vor allem unter Jugendlichen, welche in einigen Ortschaften bis zu 60 Prozent beträgt. Viele Bosnier verliessen deshalb in den Jahren nach dem Krieg ihre zerrissene und von Korruption durchtränkte Heimat und suchten ihr Glück im Ausland.

Bosnische Fans während der Hymne

Schweiz vs. Albanien am 11. Juni in Lens

Die bosnische Fussballnationalmannschaft besteht hauptsächlich aus Bosniaken. Aus allen Ecken des Landes strömten die Fans von Bosnien-Herzegowina im Letzigrund zusammen. Ob auch sie ausschliesslich Bosniaken waren – schwer zu sagen. Religion ist niemandem ins Gesicht geschrieben. Die Ethnie übrigens ebenfalls nur in den aussergewöhnlichsten Fällen. Den wenigsten Schweizer wächst eine Fondue-Caquelon aus dem Hinterkopf.

Secondos mit einem übersteigerten Nationalgefühl zur Heimat ihrer Eltern demonstrieren aber ein bekanntes Paradox der neuzeitlichen Migration: Die Liebe zum Heimatland gedeiht am besten in der Ferne. So schwach das Zusammengehörigkeitsgefühl im multiethnischen Bosnien ist, umso entschiedener das Gefühl für die Einzigartigkeit der bosnischen Identität im Ausland.

Bekenntnis zum Land der fussballerischen Ausbildung

Pech für Bosnier und Bosniaken: Ihre Nationalmannschaft hat sich nach dem Coup zur Teilnahme an der WM 2014 in Brasilien nicht für die EM in Frankreich qualifiziert. Ihre Anhänger dürfen trotzdem dem einen oder anderen Bosnier und Herzegowiner die Daumen drücken können: Dank der innereuropäischen Migration spielt der wohl bekannteste Bosnier aller Zeiten – Zlatan Ibrahimovic – für die schwedische Nationalmannschaft.

Zwei Bosnier tragen am Turnier auch das Schweizer Kreuz auf der Brust: Haris Seferović, hierzulande geborener Sohn bosniakischer Eltern, heute Stürmer bei Eintracht Frankfurt in der deutschen Bundesliga. Und der Trainer mit dem wohl krassesten Akzent aller Zeiten: Der in Sarajevo aufgewachsene ethnische Kroate Vladimir Petković. Petković ist vertraglich an die Schweizer gebunden ist, es steht ihm aber frei, seinen Arbeitgeber zu wechseln. Haris hat sich aus freien Stücken für die Schweiz ausgesprochen, ein Bekenntnis zu dem Land, das ihn fussballerisch ausbildete. 

Vor dem Beginn der EM vom 10. Juni bis 10. Juli in Frankreich haben sich die Schweizer im Trainingslager im Tessin verschanzt. Noch zwei Testspiele absolviert die Mannschaft vor dem Ernstkampf. Gleich beim ersten Gruppenspiel der Schweizer am 11. Juli in Lens gegen Albanien kann die Balkan-Fraktion in der Nati dann zeigen, dass das Herz unter dem roten Leibchen für das weisse Kreuz schlägt – und nicht etwa für den Doppeladler.

Testspiel

Schweiz – Belgien

Stade de Suisse, Genf

Sa. 28.5. 16:15 Uhr

Testspiel

Schweiz – Moldawien

Stadio di Cornaredo Lugano

Fr. 3. Juni, 18 Uhr

 

Avatar von Mario Wittenwiler

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