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Gypsi-Charme, der Grenzen sprengt

Als Soundtrack der Filme von Emir Kusturica wurde die Musik von Goran Bregovic und seiner Wedding & Funeral Band weltberühmt. Ihr Gypsi-Charme brachte im Zürcher Kongresshaus alle zum Ausflippen – fast alle.

Als Soundtrack der Filme von Emir Kusturica wurde die Musik von Goran Bregovic und seiner Wedding & Funeral Band weltberühmt. Ihr Gypsi-Charme brachte im Zürcher Kongresshaus alle zum Ausflippen – fast alle.

Balkankaravan im Zürcher Kongresshaus

Schon der Einmarsch ist pompös, die Trompeter bahnen sich den Weg durch den ganzen Saal des Kongresshaus bis hinauf auf die Bühne und geben mit ihren Trompeten schon mal die Richtung für den Abend vor: Die ersten Besucher erheben sich von ihren Sitzen. Aus Rücksichtnahme auf die anderen Besucher stellen sie sich zum Tanzen immerhin in einer Reihe an der verdunkelten Fensterwand auf. Dummerweise ist der Saal bis auf den letzten Platz gestuhlt. Nur: Zu echter Balkanmusik kann nicht mal sitzen bleiben, wer einen veritablen Stock im Allerwertesten stecken hat.

Goran Bregovic und seine Funeral & Wedding Band bringen das bestuhlte Zürcher Kongresshaus zum Stehen

Exzessiv-grenzüberschreitende Balkan-Fusion-Musik

Dann gehts auch gleich los: Im ersten Teil des Konzerts nimmt der wichtigste Mann im Team von Bandleader Bregovic Muharem Redzepi für Gesang und an der traditionellen Trommel den Takt vorgebend etwas gar viel Raum ein. Redzepi ist dem Namen nach ein ethnischer Albaner. Vielleicht nur eine Fussnote – angesichts der schwierigen Geschichte des Balkans aber eine überraschend angenehme. Übrigens ist Redzepi nicht der einzige «Ausländer» in dieser «Band from Serbia», wie sie von Bregovic vorgestellt wird.

Die beiden Sängerinnen in traditionellen balkanischen Kostümen stammen aus Bulgarien. Der vom Zigeunertum durchtränkte Sound vom Balkan ist eben länderübergreifend und macht nicht an künstlichen Grenzen halt. In Osteuropa gehören Gypsi-Bands, die schnelle Balkanmusik, spielen zu jeder richtigen Hochzeit dazu. Darum nennt sich Bregovic und sein Orchester wohl auch «Goran Bregovic & his Wedding & Funeral-Band». 

Es ist dieses Exzessive-grenzüberschreitende, aus dem der Balkan-Fusion-Sound seine Lebenskraft bezieht: Ist das Leben auch noch so hart, mag das Haus brennen, ist sogar jemand gestorben – solange jemand eine Trompete besitzt und es etwas zu trinken gibt, lasst uns feiern und tanzen. Bregovic ist der Sohn eines kroatischen Vaters und einer serbischen Mutter und wuchs in Sarajevo im heutigen Bosnien auf. Ja was ist er denn nun? 

Kroate? Serbe? Bosnier? Jugo!

Nach einem Song auf «Berndeutsch», der aber schwer als solcher zu erkennen war, gibt es einen Stück der Gypsi-Kings auf Spanisch hintennach. Tolle Musik, keine Frage, nur – deswegen sind wir nicht gekommen. Auch nicht wegen der – zugegegeben sehr, sehr «lüpfigen» Version vom italienischen Kriegsstück «Bella Ciao».

Jugosound wollen wir! Und sollen ihn bekommen. Der Meister verspricht dem Publikum das Stück, das er am liebsten zum Trinken singe. Und fordert auf, beim Refrain mitzumachen. Passenderweise trägt es den Titel «Alkohol».

Auf der Toilette das mulmige Gefühl, dass die Decke gleich einstürzt. Auf dem Rückweg dann eine lustige Beobachtung: Während oben der Saal am Kochen ist, getanzt, gestampft und Hände in der Luft geschwenkt werden, «Još!», «mehr! mehr!» und «Hajde, hajde!», «weiter, weiter!» geschrieen werden – ist die Garderobiere seelenruhig am «lismen».

Eine Kalashnikov als Schlussbouquet

Gegen Schluss packen die Jugos mit «Kalashnikov», noch einen echten Klassiker aus, das Stück ist Teil des Soundtracks zum Film «Black Cat, white Cat» vom serbischen Kult-Regisseur und Freund Bregovics Emir Kusturica.

Erkentnnis 1: Neulich in der NZZ gelesen: «Die Schweiz braucht mehr Balkan.» Stimmt.
Erkenntnis 2: Bregovic und sein Sound gehören nicht einer bestimmten Volksgruppe, sondern allen Jugos.

Und uns anderen irgendwie auch.

Avatar von Mario Wittenwiler

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