Direkt zum Inhalt springen

Dodo – «Way back home» in den Schweizer Kinos

Am Anfang war der Container. Zufluchtsort für einen Musiker, dessen Wohn- und Arbeitsraum in Zürich der Abrissbirne zum Opfer fallen sollte. «Hey, wenn ihr mir mein Studio dem Erdboden gleich macht, dann wird mein neues Studio den Erdball…

Am Anfang war der Container. Zufluchtsort für einen Musiker, dessen Wohn- und Arbeitsraum in Zürich der Abrissbirne zum Opfer fallen sollte.

«Hey, wenn ihr mir mein Studio dem Erdboden gleich macht, dann wird mein neues Studio den Erdball umkreisen», sagte sich Dodo damals, vor fünf Jahren, kurz bevor der Bagger sein destruktives Werk begann.Dodos Freund, der Filmemacher Alexis Amitirigala sass mit am Küchentisch und sagte: «Dodo, wenn du das machst, mache ich einen Film daraus.»

So beginnt aus der Kraft des Frustes ein Abenteuer, das das Leben, das Business und die Musik eines der wohl erfolgreichsten Schweizer Musikers und Musikproduzenten verändert: Dominik Hug alias «Dodo» macht sich auf die Reise nach Afrika. Zurück auf jenen Kontinent, wo er 1977 als Sohn einer Schweizer Familie geboren wurde. Zurück nach Yopougon, jenem Stadtteil von Abidjan, der Metropole der Elfenbeinküste am Atlantischen Ozean, wo er seine früheste Kindheit verbrachte. Den Ort, an den er vage, aber schöne Erinnerungen hat, einem tropischen Paradies gleich, dem er abrupt entrissen wurde.

«Mein Vater, der in Youpougon bei der Firma Maggi arbeitete, erkrankte an Krebs», so Dodo. «Meine Eltern beschlossen darum, in die Schweiz zurück zu kehren in der Hoffnung, man könne ihm hier helfen. Doch leider verstarb er kurz nachdem wir hierhin gezogen waren.»

Sechs Jahre alt war Dodo damals. Und er begriff gar nicht so recht, was alles passierte.

«Wir waren eine katholische Familie, und die ganzen Zeremonien rund um die Bestattung – vor der Totenwache bis zum Herablassen des Sargs in die Erde – kam mir damals vor wie ein Theater», erinnert er sich. «Alle um mich herum weinten, doch ich empfand das damals nicht so tief. Ich konnte nicht weinen. Das habe ich mir lange zum Vorwurf gemacht.»

Dodo

Vielleicht ist es kein Zufall, dass er die sich anbahnende Baustelle an der Pfingstweidstrasse in Zürich zum Anlass nimmt, diese Baustelle in seinem Leben zu bereinigen. Dodo fängt an zu zeichnen, richtet sich auf dem Skizzenblock seinen Studio-Container, befasst sich mit Logistikfragen, Technik- und Kostenberechnungen und vielen Dingen mehr, die so gar nicht zur Routine eines Pop-Produzenten passen.

«Der Container ist präzise genormt», sagt Dodo. «Ich bin aber eher der Typ, der sich nicht gerne einschränken lässt. Ich habe aber gelernt, dass es gerade diese Normen sind, die es und ermöglichen, dass wir uns mit viel Material und grossen Schiffen durch die ganze Welt bewegen können. Daher habe ich gelernt, sie einzuhalten.»

So mutig und faszinierend die Idee, so schwer ist es, sie umzusetzen. Sein Team, seine Familie sind skeptisch: So ein Projekt braucht viel Ressourcen – menschlich und finanziell. Und während der Projektplanung bleibt nicht viel Zeit für das, womit Dodo eigentlich seinen Lebensunterhalt verdient: Hits zu produzieren. So, wie er das mit dem «Hippie Bus» getan hat oder mit Steff laCheffes Gassenhauer «Ha Ke Ahnig», oder mit Lo & Leduc Erfolgsalben getan hat. Dodo hat diskutiert, Überzeugungsarbeit geleistet, ist ins Risiko gegangen.

«Ich habe sehr viele ‹Neins› kassiert, aber jedes ‹Nein› war immer ein Ansporn mehr, die Planung noch mehr zu verbessern und so dem Ziel näher zu kommen», sagt Dodo. «Trotzdem: Es gab einige Momente, wo ich dachte: Jetzt gehts nicht mehr weiter. Aber dann öffnete sich unverhofft wieder ein Türchen, neue Menschen begeisterten sich für das Projekt und neue Freundschaften entstanden.»

Schliesslich steht der Container. Alles ist bereit für die grosse Überfahrt. Doch dann kommt die Corona-Pandemie und macht Reisen unmöglich. Dodo beschliesst, den Container auf einen Truck zu packen und mit ihm den Furka, den Grimsel und den Oberalppass zu überqueren – und dabei Musik zu machen und ihn zu testen. Es wird zu einem der spannendsten Kulturprojekte während dem Lockdown in der Schweiz. Doch Dodo will nach Afrika. Am 28. September 2022 ist es endlich soweit: Der Container wird im Basler Rheinhafen auf das Frachtschiff «Mürren» gehievt, und Dodo und sein langjähriger Musik-Freund und Kreativ-Partner Big J sowie Filmemacher Alexis Amitirigala gehen mit an Bord. Destination: Rotterdam. Dort wartet ein grosses Containerschiff, um die kostbare Fracht nach Kapstadt zu überführen. Dodo würde gerne mitreisen, aber die strengen Regeln der internationalen Schifffahrt lassen das nicht mehr zu. So fliegt er nach Südafrika, wie er wenige Tage vor seinem Container und dem Rest der Crew ankommt, um die weitere Reise – und das Musikmachen vorzubereiten.

«Ich weiss noch genau, wie ich Big J vom Flughafen ab. Auf der Rückfahrt fuhren wir am Hafen vorbei, da sah Big J plötzlich, dass unser Container an einem Kran hing. Sofort sind wir herunter zum Hafen gefahren und konnten live erleben, wie unser Studio-Container anlandete», erinnert sich Dodo.

Ein Schlüsselmoment. Denn nun stand er da: der Traum leuchtend rotem Stahl mit der Aufschrift «Ministry of Good Vines», bereit, all die Menschen und Klänge aufzunehmen, die sich in ihm in den kommenden Wochen und Monaten vereinen würden.

«Die Arbeit mit den Musikerinnen und Musikern in Afrika war sehr spannend und bereichernd», erzählt Dodo. «Wir haben anfangs versucht, über die Plattenfirma Künstler in Afrika zu kontaktieren. Das hat aber nicht funktioniert. Darum haben wir über lokale Kontakte Musikerinnen und Musiker kennengelernt und mit ihnen zusammengearbeitet. Wir haben nicht gewartet, bis sie zu uns in den Container kamen, sondern haben sie auch besucht. Zum Beispiel sind wir auch in die Township von Kapstadt gefahren, was nicht ganz risikolos war, und haben dort mit den besten Amapiano-Künstlern gearbeitet – einem Musikstil, der im Moment die Welt erobert.»

Die Reaktionen sind begeistert. Obwohl sie Dodos Musik nicht kennen und sich über seinen Container wundern, sind sie sehr interessiert an seinen Songs und fühlen sich geehrt, dass jemand aus der Schweiz den langen Weg auf sich nimmt, um ihre Musik an der Quelle kennen zu lernen. Im Gegenzug laden sie Dodo ein, seine Songs in ihren Clubs live zu performen – auf Schweizerdeutsch versteht sich. Und alle sind begeistert und singen den Refrain mit, auch wenn sie den Text nicht verstehen.

«Musik ist eine Sprache, mit der man sich mit allen Menschen verständigen kann», sagt Dodo.

Auf geht’s nach Ghana, wo der Container beim «Beda’s», einem Kulturzentrum eines Schweizer Kumpels von Dodo Mitten in der Hauptstadt Accra, parkiert wird. Auch hier wird musiziert,
aufgenommen, produziert. Fast noch wichtiger als das: Dodo bereitet sich auf die letzte Etappe vor: den Besuch von Yopougon.

«Es war ein bewegender Moment, kurz bevor wir in die Elfenbeinküste abreisten, um meine Mutter und mein Bruder vom Flughaben abzuholen. Da wurde mir plötzlich bewusst, dass ich es geschafft habe, endlich hier zu sein. Nahe der Heimat meiner Kindheit. Nicht ahnend, ob ich sie Wiedererkennen würde oder nicht», sagt Dodo.

Ihm ist wichtig, dass seine Mutter ihn auf dieser letzten Reise begleitet.

«Ich war noch ein Kind, als ich in Afrika lebte. Darum brauchte quasi die Augen meiner Mutter, um alles verstehen zu können», sagt Dodo. «Meine Mutter wünschte sich, dass mein Bruder. So konnte ich das jetzt nochmals tun, was sehr wertvoll war. Als klar war, dass wir die Reise verfilmen, war auch klar, dass meine Mutter darin vorkommen würde. Meine Mutter wünschte sich, dass mein Bruder auch mitkommt. Und ich bin sehr dankbar, dass er das getan hat.»

Natürlich war Yopougon nicht mehr das lauschige Vorstadtviertel wie vor 40 Jahren. Heute ist alles dicht bebaut und zum Teil verslummt. Eine Ernüchterung für Dodo und seine Familie.

«In meinen Kindheitserinnerungen hatte ich noch den Dschungel vor Augen, wo ich spielte», sagt er. «Davon war nichts mehr zu sehen. Aber immerhin: Die Reste unseres Wohnhauses von damals haben wir noch wieder gefunden.»

Doch wichtiger als alte Mauern und verstaubte Strassen sind die Geschichten, die sich Dodo, sein Bruder und seine Mutter am Strand erzählen. Dort, wo Dodo als kleiner Bub mit seinem Vater so oft gespielt hat. Plötzlich ist das alles wieder ganz nah. Da wird Dodo von seinen Gefühlen übermannt. Er bricht in Tränen aus.

«Jahrelang aufgestaute Trauer machte sich frei», sagt Dodo. «Endlich konnte ich weinen.» Er hält kurz inne, dann sagt er: «Mein Vater wurde im November beerdigt, Schnee bedeckte sein Grab. Nun, in der Sonne von Yopougon, schien dieser Schnee endlich zu schmelzen. Dieses Gefühl war so stark, dass ich einen Song darüber geschrieben habe.»

All diese Momente hat Alexis mit der Filmkamera eingefangen. Entstanden ist der Dokumentarfilm «Yopugon», der am 3. Januar in die Schweizer Kinos kommt.

«Der Film war ein unheimlich wichtiger Antrieb für das ganze Projekt», sagt Dodo. «In schwierigen Situationen gab er mir die Kraft, weiter zu machen. Zudem hat die Filmcrew einen grossen Beitrag geleistet, all die logistischen Aufgaben zu lösen.»

Gleichzeitig erscheint auch das gleichnamige Album von Dodo mit den Songs, die auf der langen Reise entstanden sind. Darauf zu hören sind auch die Musikerinnen und Musiker aus Afrika, die Dodo auf seinem Trip kennenlernte.

«Mir war dabei wichtig, sie auch an den Einnahmen der Musik zu beteiligen», sagt Dodo.«Allerdings ist die Regelung des Urheberrechts in Afrika wegen der hohen Korruption kaum machbar. Darum haben wir eine Lösung mit der Suisa gefunden, die Musiker in der Schweiz zu lizensieren und so sicher zu stellen, dass sie an den Songs verdienen.»

Was ist das kostbarste, das er von dieser Reise mitgenommen hat?

«Die Einsicht, dass ich nicht immer cool sein muss, sondern auch ganz menschliche Gefühle zeigen darf», sagt Dodo. «Das Wissen, dass meine Songs jetzt auch in Afrika gespielt werden und dass ich dort viele neue Freunde habe, mit denen ich weiter Musik machen werde. Und nicht zuletzt: Dass ich bei meiner Rückkehr in die Schweiz spürte, dass ich nun auch hier starke Wurzeln habe, die mir das Gefühl von Heimat geben. Dafür bin ich sehr dankbar.»

 

Dodo
Dodo

Dodo – «Way back home» im Kino

3. Januar 2024, 18.30 Uhr
Basel, kultkino Atelier

4. Januar 2024, 20.00 Uhr
Zürich, Corso 1

6. Januar 2024, 16:00 Uhr
Luzern, Bourbaki

7. Januar 2024, 17:00 Uhr
Chur, Apollo

14. Januar 2024, 14:00 Uhr
Bern, Cinématte

14. Januar 2024, 18:00 Uhr
Dübendorf, Kino Orion

2. Februar 2024, 19:30 Uhr
Heiden, Kino Rosental

Avatar von Anna Psenitsnaja

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert